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Beobachtungen während meines Auslandssemesters in Malang und Jakarta, Indonesien in Schrift und Bild.
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zuletzt aktualisiert am: 30.4.2011
28.8.2010
Grand Indonesia, Jakarta
Eine Einkaufsmall, so groß wie ein Fußballstadion.
Jugendliche fotografieren sich mit ihren Blackberrys vor einem weißen Lamborghini. Am meisten irritiert mich der Linksverkehr.
31.8.2010
noch zehn Tage Ramadan
Ich beschließe das letzte Drittel des Ramadan mitzufasten. Das heißt: Morgens um drei frühstücken und dann, bis es der Muezzin zum Sonnenuntergang wieder genehmigt, nicht essen, nicht trinken, nicht rauchen, nicht küssen. Die Nachmittage sind lang, doch ich halte durch. Gequengelt wird nicht. Ich bin beeindruckt.
Wer tagsüber doch isst, versteckt sich hinter Vorhängen.
31.8.2010
über die Schwelle
mit dem Zug von Jakarta nach Malang
Die Nachmittagssonne wirft den Schatten des gigantischen Nationalmonumentes auf die rot geziegelten Spitzdächer über den Bahnsteigen. Einer der wichtigsten Fernbahnhöfe Indonesiens hat vier Gleise. Im Hintergrund zeichnet sich die Skyline Jakartas in den Himmel. Ansagen schallen im Minutentakt aus den Lautsprechern, wenn ein Zug ein-, aus- oder durchfährt bimmelt zur Warnung die Melodie der Big Ben Glocken. Es herrscht geschäftiges Treiben. Die Bahnsteige sind voll, die Züge auch. "Gambir" heißt die Station und hier, unweit des Business-Zentrums der Metropole halten nur die teuren "Eksekutif" oder "Ekspres" Züge. Die preiswerteren haben anstatt einer Klimaanlage zur Kühlung nur offene Fenster und Türen. Zu den Stoßzeiten lassen die Männer sich auch auf dem Dach den Fahrtwind um die Nase wehen, den Schopf eine Handbreit unter der Hochspannungsleitung.
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8.9.2010
Licht und Carrefour
Ich kaufe eine neue Lampe für mein Zimmer. Das Licht ist hier überall energiesparlampenweiß. Bei Carrefour finde ich eine Lampe, deren Verpackung "soft warm light" verspricht. "Yellow!", versucht mich der Mann an der Kasse zu warnen und kann den seltsamen Ausländer offensichtlich nicht verstehen.
Zu Hause schraube ich die Birne ins Gewinde. Nanu, denke ich, sieht wirklich komisch aus, so gelb. Jetzt nehme ich mir jeden Tag vor, vielleicht doch besser wieder die andere Lampe einzusetzen.
15.9.2010
über die Mauer
Zimmersuche in Malang
Die erste Woche in Malang wohne ich in einem goldenen Käfig. Ein Freund aus Dresden, der jetzt in Indonesien für die GTZ arbeitet, hat mir den Kontakt zu einer Kollegin vermittelt. Sie leitet in Malang seit einigen Monaten ein neu eingerichtetes Büro, entwickelt Konzepte zu Klimaschutz und nachhaltiger Stadtentwicklung. Die Frau ist noch nicht ganz dreißig, aus München und redet viel übers Fliegen. Freundlicherweise erklärte sie sich ohne Zögern bereit, mich für ein paar Tage zu beherbergen, ein bequemes Basislager für meine Zimmersuche.
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17.9.2010
aus dem Bus
20.9.2010
Semesterbeginn
Die Ferien sind zu Ende, die Studenten kommen von ihren Familien, aus ihren Dörfern zurück in die Stadt. Das neue Semester beginnt.
Mein Stundenplan ist noch nicht ganz fertig. Die bürokratischen Anforderungen der deutschen Universität müssen mit den hiesigen in Übereinstimmung gebracht werden. Was heißt denn Wahlpflichtbereich auf Indonesisch? Ich werde von Büro zu Büro geführt und freundlich willkommen geheißen.
Es ist eine muslimische Universität. Die Campus-Moschee ist riesig. Die Frauen, die hier arbeiten, tragen Kopftuch und die meisten Studentinnen auch. Die weißen, sechsstöckigen Hörsaalgebäude wirken mächtig.
In der ersten Woche geben die Dozenten nur eine kurze Einführung. Die Kurse versprechen interessant zu werden. Trotz englischer Seminartitel werden sie auf Indonesisch abgehalten. Ich muss lernen.
23.9.2010
laut & leise
Der erste Stock eines Einkaufszentrums. Ein überdachter Markt. Von außen ähnelt das Gebäude stark einer Parkgarage. Die Atmosphäre ist dumpf, schummerig und einladend. Stoffverkäufer schleichen Barfuß über hochgestapelte Stoffrollen. Ein paar Meter weiter führt eine Rolltreppe, die merkwürdig aus der Zeit gefallen scheint, ein Stockwerk höher. Das Ambiente krempelt sich um. Gleißendes Neonlicht, Musik, aus Computerlautsprechern dröhnen Maschinengewehrsalven.
Etwas später auf der Straße: Motorräder knattern, Busfahrer rufen ihr Fahrtziel aus dem Fenster, Kleintransporter blasen Dieselruß in den Mittagshimmel, es lärmt von allen Seiten. Ich biege in eine engen Nebengasse. Und auf einmal ist es wieder still.
27.9.2010
zwei Studentinnen posieren für mich auf der Hängebrücke zur Universität
28.9.2010
Mutter, Vater, Schwester, Bruder
Anstatt „Frau“ oder „Herr“ reden Indonesier sich mit „Schwester (Mbak)“, „Mutter (Bu)“, „Bruder (Mas)“ oder „Vater (Pak)“ an. Die höfliche Anrede ist sehr wichtig und wird fast immer gebraucht. In der Universität bin ich inzwischen „Mas Lukas“ und nicht mehr „Mister Lukas“, was etwas Überzeugungsarbeit gekostet hat.
Diese linguistische Beobachtung untermauert den Eindruck, die Indonesier seien eine große Familie. Die Menschen sind sich sehr nah, kommen schnell ins Gespräch, scheinen voreinander wenig Geheimnisse zu haben. Die individualistischen Europäer werden ein wenig bedauert, doch die statusgetriebene, moderne Kultur schlägt auch hier langsam ihre Schneisen durch die Gesellschaft.
1.10.2010
Fieber
Ich bin krank. Das Fieberthermometer zeigt 38,3 Grad, ich fühle mich schlapp. Mein Körper ruft nach einer Ruhepause. Ich schlafe so viel ich kann.
Als ich mittags aufwache, sehe ich aus dem Augenwinkel eine dunkle Gestalt aus dem Zimmer huschen. Neben dem Bett steht ein riesiges Glas dampfender Tee, abends ein Teller voll Reis und Gemüse. Die Familie, die mir das Zimmer vermietet, kümmert sich rührend um mich. Am nächsten Tag bin ich wieder gesund.
2.10.2010
Hochzeit
Samstag Nachmittag, in der Universität ein Tag wie jeder andere. Im Büro für Internationale Studienbeziehungen werde ich auf eine Hochzeit eingeladen. „Es gibt eine Hochzeit. Willst Du mitkommen? Da gibt es was zu essen.“
Keine zehn Minuten später: Ein Vergnügungspark, Planschbecken, Plastikdinosaurier, eine kleine Veranstaltungshalle und davor ein mit Blumen geschmückter, etwas schäbiger Toyota. Ein Empfangskomitee schüttelt ankommenden Gästen die Hände oder verbeugt sich ehrfürchtig. Das Brautpaar steht in aufwändiger javanischer Tracht, dick geschminkt, steif am Kopfende des Raums und begrüßt die Besucher gleichermaßen. Zwei Sängerinnen singen amerikanische Jazzschlager und indonesische Popmusik im Wechsel. Zu essen gibt es reichlich, es schmeckt mir wie immer ausgezeichnet. Nach zehn Minuten haben wir unsere Teller leer gegessen und verschwinden genauso schnell wie wir gekommen sind.
5.10.2010
Stadtkinder
Es ist abends. Ein Studienfreund fragt per SMS, ob er noch vorbeikommen kann, er hat mich noch nie in meinem Zimmer besucht. Als er mit einem nagelneuen, in den engen Straßen riesig groß wirkenden Auto vorfährt, staune ich nicht schlecht. Der goldene Lack und die kalten LED-Standlichter wirken wie von einem Raumschiff. Das Auto gehört einem Freund. Gemeinsam fahren sie ziellos durch die Stadt und fragen mich, ob ich mitkommen möchte.
Der Ausflug führt in den Nachbarort Batu. Der liegt etwas höher am Vulkanhang. Hier wachsen Äpfel und die windige Straße soll an die Schweiz erinnern. Es ist dunkel und durch die getönten Scheiben sehe ich nichts. Der Fahrer fährt als hätte er seinen Führerschein seit gestern, das Navigationssystem beschwert sich alle fünf Minuten, dass es keinen Satelliten finden kann. Er möchte mit mir Englisch üben. Doch ich beschließe, wer ein Auto hat, braucht meine Hilfe nicht.
8.10.2010
Bürokratie
Im Bildungsministerium in Jakarta muss ich meine Aufenthaltsgenehmigung beantragen. In Deutschland habe ich dafür schon ein „Empfehlungsschreiben“ bei der Indonesischen Botschaft beantragt. Im wohl klimatisierten Ministerium angekommen schickt man mich von Büro zu Büro zu Büro. Über die Computerbildschirme flimmern abwechselnd Word und Facebook.
Die Treppe zum Studentenvisum hat viele Stufen. Bevor ich das Dokument beantragen kann, muss ich erst den Antrag beantragen, wofür ich wieder nicht weniger als acht Unterlagen einreichen muss. Es hilft nur Geduld und freundliches Lächeln.
Zum ersten Mal in Indonesien kommen mir die Menschen unfreundlich vor. Eingewickelt in komfortable Rentenaussichten und hohen Lohn, ausgestattet mit staatlichem Machtmonopol vergessen sie die sonst übliche Gastfreundschaft. Die Bürokratie scheint außer Kontrolle.
12.10.2010
Dorf oder Stadt? Malang, entlang meines Weges zur Universität
15.10.2010
Tok Tok Tok
Wer hungrig ist braucht nur die Ohren zu spitzen und zu warten. Die zahlreichen Verkäufer schieben von früh bis spät ihre kleinen Stände durch die Straßen. Je nachdem, was sie verkaufen, sind sie mit einem Gasbrenner und einem großen Kochtopf, einem Grill oder nur einer Glasvitrine ausgestattet. Wenn nötig, haben sie Porzellangeschirr und Besteck dabei, sowie etwas Abwaschwasser.
Mit akustischen Signalen machen die Verkäufer auf sich aufmerksam. Suppen- und Nudelverkäufer schlagen mit einem Stock auf einen kleinen, hohlen Holzkasten. Brotverkäufer hupen mit einer Fahrradhupe. Die Verkäufer von Grillspießen rufen „Sate“, den Namen des Gerichts. Eisverkäufer spielen über einen kleinen Lautsprecher einen kurzen Jingle in Endlosschleife. Die Preise sind dabei ausgesprochen moderat und übersteigen selten 5000 Rupiah. Das Geschäft scheint gut zu laufen. Abends schieben die Verkäufer ihre Wagen leer zurück nach Hause.
18.10.2010
Fußball
Malang hat letzte Saison die indonesische Liga gewonnen. Champion 2010. Der Verein heißt „Arema Indonesia“ und ist allgegenwärtig. An Wände gemalt, auf Motorräder geklebt oder auf T-Shirts gedruckt begegnet einem der brüllende Arema-Löwe überall. Die Fußballbegeisterung geht quer durch alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten. Wenn Arema spielt sind die Straßen leer. Die Atmosphäre im Stadion sei sehr beachtlich, hat mir ein spanischer Freund versichert. Und das ganz ohne Bier.
Doch auch wenn Arema nicht spielt laufen die Menschen auf den Fernsehschirmen einem kleinen weißen Ball hinterher. Vor allem die englische Premier Leauge wird sehr aufmerksam verfolgt und es scheint als hätte fast jeder Indonesier auch mindestens einen europäischen Lieblingsverein. Liverpool oder Manchester, Madrid oder Barcelona, Turin oder Milan, München oder Bremen. Auf einer Landkarte würde diese Städte niemand finden. Warum nur interessiert es die Menschen hier, welcher Verein gewinnt?
23.10.2010
Bad Boys 2
Im Fernsehen läuft Bad Boys 2. Schnelle Autos, große Häuser, Maschinengewehre und Explosionen wechseln einander ab. Der Film wird auf Englisch mit indonesischen Untertiteln gezeigt. „Fuck“ wird zensiert, zu viel nackte Haut ebenso. Gewalt hingegen nicht. Alle zehn Minuten zerschneidet Zigarettenwerbung den Film blockweise.
Will Smith und sein Partner zermürben ein kubanisches Drogenkartell und gehen dafür über Leichen. Zum großen Showdown pflügen sie mit einem leuchtend gelben Hummer minutenlang quer durch eine kubanische Slum-Siedlung um eine Geisel zu befreien. Ich versuche abzuschätzen wie viele Menschenleben die Rambomethoden der vermeintlichen Helden in der Wirklichkeit wohl kosten würden. Mehrere Hundert Kubaner für eine Amerikanerin. Und so einen Quatsch sieht nachher die ganze Welt.
25.10.2010
vor meiner Tür
26.10.2010
die chinesische Minderheit
Mit knapp unter zehn Prozent Bevölkerungsanteil sind Menschen chinesischer Abstammung eine präsente Minderheit. Meist leben sie schon seit vielen Generationen in Indonesien. Während der Kolonialzeit haben die Niederländer Chinesen hierher gebracht um sie unter miserablen Bedingungen als Plantagenarbeiter zu beschäftigen. Mit der javanischen Bevölkerung haben sich die Chinesen noch immer nicht vermischt, auch wenn sie nicht mehr ihre eigene Sprache sprechen. Sie sind nicht muslimisch, leben abgeschottet unter sich, haben die größten Häuser und die meisten Autos. Noch bis vor kurzem beherrschten sie 90% der indonesischen Wirtschaft, inzwischen ist der Anteil auf 70% geschrumpft. Immer wieder sind sie Opfer von Diskriminierung durch den Staat geworden. Menschen chinesischer Abstammung sind an ihrer Personalausweisnummer zu erkennen. Integration sieht anders aus.
27.10.2010
Preisniveau
Lebensmittel:
ein Glas Tee: ca. 0,15 €
ein Frühstück/Mittagessen/Abendessen: ca. 0,50 €
ein Big Mac: ca. 2 €
eine Schachtel Zigaretten: ca. 0,70 €
Studium:
eine Jahresmiete im Studentenwohnheim: ca. 200 €
ein Semester Studiengebühren: ca. 150 €
Mobilität:
eine Busfahrt: ca. 0,25 €
ein Liter Benzin: ca. 0,40 €
ein Motorrad (36 Monate Ratenzahlung): ca. 1.000 € (1.450 €)
Telekommunikation:
eine SMS: unter 0,01 €
eine Minute Telefongespräch: ca. 0,10 €
eine Stunde Internetcafé: ca. 0,25 €
ein Smartphone: ab 50 €
ein Blackberry: ab 200 €
29.10.2010
SMS
Es ist schwer vorstellbar, wie die Indonesier kommuniziert haben, bevor es Mobiltelefone gab. SMS sind das Medium der Verständigung. Egal ob mit Freunden und Freundinnen, mit der Universität oder mit dem Bildungsministerium in Jakarta – Fragen stellen, Termine ausmachen, sich nach dem Wohlbefinden erkundigen oder flirten, alles per SMS. Zwischen Privat- und Arbeitstelefon wird nicht unterschieden.
Die SMS-Sprache ist eine Sprache für sich. Fast jedes Wort, so scheint es, lässt sich abkürzen. Oft sind es nur kryptische Buchstabenkombinationen, die hin und her gesendet werden. Höflichkeitsfloskeln sind wichtig.
An guten Tagen bringe ich es sicherlich auf 100 Kurzmitteilungen, was natürlich viel länger dauert als ein paar Telefonate mit demselben Inhalt. Dafür ist es günstig. Und Eile gibt es eben nicht.
4.11.2010
Assalamu'alaikum
Egal zu welcher Tageszeit - „Assalamu'alaikum“ ist immer eine angemessen Begrüßung und wird stets prompt mit einem „Wa'alaikumsalam“ entgegnet. Auch am Telefon.
Wer es besonders ernst meint fügt noch „Warahmatullahi Wabarokatu“ hinzu, was dann insgesamt in etwa so viel heißt wie "Gott segne Sie, sowie alle Anderen". Die Aussprache klingt in meinen Ohren wirklich sehr arabisch.
Für den etwas informelleren, legeren Gebrauch lässt sich die zungenbrecherische Langform mit „'mulaikum“ abkürzen, was vor allem unter jungen Frauen recht beliebt zu sein scheint. Das „u“ am Ende wird dabei ein wenig in die Länge gezogen. Die Tonmelodie erinnert ans deutsche „Tschüßi“.
7.11.2010
Regen
Aus zweiter Hand: „Es hat wirklich stark geregnet. Die Straße stand unter Wasser, mindestens bis zum Knie. Ich musste anhalten, meine Zündkerze war nass geworden. Zum Glück habe ich immer Ersatz dabei. Als ich da über mein Motorrad gebeugt am Straßenrand stand, sah ich aus dem Augenwinkel, wie das Motorrad, das an mir vorbei fuhr, auf einmal im Nichts verschwand! Zack! Einfach weg! Von einem Moment auf den nächsten!
Als ich noch einmal hinschaute, sah ich, dass das Hinterrad noch steil aus dem Wasser in den Himmel ragte. Die beiden Männer waren in eine Baugrube gefallen. Die Absperrung war weg geschwemmt worden und das Loch durch das braune Wasser nicht zu sehen.
Im Nu rappelten sich die Beiden wieder auf. Ich half ihnen das Motorrad aus dem Loch zu ziehen. Sie strichen sich die Regenmäntel zurecht und fuhren einfach weiter. Als wäre nichts gewesen.“
8.11.2010
Examen
Die Hälfte des Semesters ist vorbei. Anlass für eine erste Prüfungswoche. Die Studenten kommen ausnahmsweise in Uniform. Weißes Hemd, schwarze Hose und Krawatte für die Jungen, weiße Bluse, schwarzer Rock und optional ein schwarzes Kopftuch für die Mädchen.
Die Prüfungen dauern je eine Stunde. In jedem Fach werden die Vorlesungsinhalte der ersten Semesterhälfte abgefragt. In der Bibliothek sitzen Studenten und schreiben eifrig Spickzettel auf gestempelte Prüfungsbögen. Je nachdem, wie streng die Prüfungsaufsicht ist, bricht nach kurzer Zeit wildes Geflüster aus. Indonesier halten zusammen. Und Lernen, na ja, muss halt nicht sein...
10.11.2010
Abendessen
12.11.2010
Haji
Es ist Pilgerzeit. Ein anständiger Muslim muss einmal in seinem Leben nach Mekka pilgern. 37 Tage dauert eine Pilgerreise (Haji) und kostet ein halbes Vermögen. Wer ein durchschnittliches Einkommen bezieht, muss Jahre lang auf eine Reise nach Saudi Arabien sparen. In der Tageszeitung werden ganzseitig Apartments nahe der wichtigsten Gebetsstätten beworben.
In der Straße eines Freundes bereiten die Nachbarn einen rührenden Abschied für den Hausbewohner, der kurz darauf nach Mekka aufbricht. Es gibt reichlich zu essen. Unter Tränen wird ein Gebet gesprochen und eine gute Reise gewünscht. Der Leiter des Büros für Auslandsbeziehungen meiner Universität ist auch plötzlich nach Mekka verschwunden. In vielen Häusern hängen Bilder an der Wand, die die Eltern oder Großeltern in Mekka zeigen. Wer es sich leisten kann, pilgert mehrmals. Wer bereits da war, berichtet von einer ganz außergewöhnlichen Atmosphäre. Allah ganz nah.
14.11.2010
Whitening Body Lotion
„Whitening Body Lotion“ gehört zu den im Fernsehen meist-beworbenen Produkten. Ein Spot zeigt eine junge Frau, die an einem sonnigen Tag, mit T-Shirt bekleidet eine imposante Vulkanlandschaft fotografiert. Doch, oh Schreck, die Sonne hinterlässt auf der Haut ihre dunklen Spuren und nur wo das T-Shirt vor der UV-Strahlung geschützt hat, ist sie noch hell. In der nächsten Sequenz wird die gebräunte Haut wie durch Magie wieder weiß. Es folgt das Logo eines großen europäischen Kosmetikkonzerns.
Weiß, das steht für Reinheit und Wohlstand. Bauern sind braun, da sie den ganzen Tag auf dem Feld arbeiten. Wer es sich leisten kann hat helle Haut. Und wer weiß um den Einfluss der Hollywood-Filme, die Wünsche und Träume auf der ganzen Welt maßgeblich mitzubestimmen scheinen? Da sind schließlich auch fast alle weiß. An sonnigen Tagen fahren alle mit Jacke Motorrad. Manche gar mit Handschuhen und Socken unter den Sandalen. In der Sonne baden? So was verrücktes, das tun nur Touristen.
17.11.2010
Idul Adha
Es ist der zweite große islamischen Feiertag, neben „Idul Fitri“, dem Ende Ramdans. An „Idul Adha“ schlachten gläubige Muslime eine Ziege um sie im Namen Gottes mit Freunden, Nachbarn und vor allem mit Bedürftigen zu teilen. Schon Tage vorher füllte sich die Stadt mit Ziegen. Geduldig standen sie neben den Straßen, warteten auf einen Käufer und blickten mit leeren Augen ihrem Schicksal entgegen.
Das Ritual verteilt sich aus logistischen Gründen auf mehrere Tage. Schon Montag Abend findet in meiner Straße ein feierlicher Umzug mit rhythmischer Trommel-Musik und Lautsprecher-verstärkten Gebetsgesängen statt. Dienstag Abend nehme ich bereits an einem feierlichen Ziegenmahl teil und als ich Mittwoch Morgen im Stadtzentrum die Opferzeremonie ansehen möchte, liege ich mit Mageninfektion im Bett. Gleich aus zwei Gründen ein schlechter Tag um krank zu werden. Nicht nur verpasse ich das feierliche Spektakel, sondern auch alle Ärzte haben heute geschlossen.
18.11.2010
Ziegenfell im Plastiksack
19.11.2010
Miss Steuern
Im Erdgeschoss des Einkaufszentrums, wo normalerweise japanische Neuwagen in grellem Scheinwerferlicht funkeln, ist ein Laufsteg aufgebaut. Aus Lautsprechern gellen die Stimmen zweier Moderatoren, Fotografen dokumentieren das Geschehen, die Zuschauer sind zahlreich. Über eine große Leinwand wandern Wellblechhütten, riesige Bergbaumaschinen und Schulen in Endlosschleife. Das Finanzamt wählt „Miss und Mister Steuern 2010“.
Nacheinander kommen die jungen Finanzbeamten auf die Bühne, Jungen und Mädchen im Wechsel, 30 sind es insgesamt. Alle haben eine kleine Darbietung einstudiert. Viele singen herzergreifende Schnulzen, andere führen traditionelle javanische Tanz-Choreographien auf, wieder andere halten ein flammendes Plädoyer für Steuern. Steuern bauen Straßen und helfen die Armut zu überwinden, so der Tenor. Natürlich ermöglichen sie den Finanzbeamten auch ihre großzügigen Gehälter. Der Staat braucht Werbung.
19.11.2010
Das Kopftuch
Im Westen überwiegt eine abweisende Haltung gegenüber dem Kopftuch. Es gilt als Zeichen der Unterdrückung der Frau. „Arme Mädchen“, schießt es uns beim Anblick der sorgfältig versteckten Haare frommer Musliminnen durch den Kopf.
Ich sehe das inzwischen anders. In Indonesien tragen viele Frauen Kopftuch. Freiwillig. Ich kenne Geschwisterpaare von denen sich die eine gewissenhaft verhüllt und die andere nicht. Das Kopftuch setzt hier ein Zeichen gegen die um sich greifende Oberflächlichkeit, lenkt die Aufmerksamkeit vom Äußeren zum Inneren. Der Körper wird nicht zur Schau gestellt. Wieso sich in seinem Selbstbild auch so sehr von der äußeren Erscheinung bestimmen lassen?
Kein Kopftuch geht häufig mit viel Schminke, hohen Absätzen und knappen Oberteilen einher. Eine Maske, auch eine Form der Verschleierung, der Versuch, jemand anders zu sein. Wer sind jetzt eigentlich die armen Mädchen?
21.10.2010
Ekonomi
Mit dem Zug von Malang nach Jakarta
Um Verwirrung zu vermeiden: Die Zugfahrt liegt nun schon eine ganze Weile zurück:
In Jakarta, so geht aus einem Brief der Indonesischen Botschaft Berlin hervor, kann ich ein Schreiben beantragen, mit dem ich eine ordentliche Aufenthaltserlaubnis bekommen kann. Ein indonesischer Personalausweis würde mir schon gefallen. Der Nutzen mag gering sein, aber das ist auch eine emotionale Frage.
Jakarta ist weit. 900 km sind es von hier, doch Kilometerangaben sind wenig aussagekräftig. Entfernungen werden in Stunden gemessen. Das Flugzeug fliegt eineinhalb Stunden. Der Zug braucht 20. Der Bus noch mehr. Fliegen kommt nicht in Frage. Wer Nachhaltigkeit predigt muss auch konsequent sein, zumindest, wenn es Alternativen gibt.Und wer Indonesien kennenlernen möchte sollte ohnehin besser Zugfahren.
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2.12.2010
totes Licht
Stromausfall heißt auf Indonesisch „mati lampu“ („totes Licht“), in letzter Zeit eine wichtige Vokabel. Zack! Und auf einmal ist es still. Tagsüber gehen nur die Fernseher aus, Abends auch Lichter, Lampen und Straßenlaternen. Gasherde brennen unbeirrbar weiter. Und Wasser ist für diesen Fall schon genügend in den großen, gekachelten, offenen Wassertanks gespeichert, die es in jedem indonesischen Badezimmer gibt.
Stromausfall, das hat etwas romantisches. Die Kerzen werden hervorgekramt und alle elektronischen Geräte geben für eine Weile Ruhe. Die Menschen werden gesellig, wenn der Strom weg ist, sitzen beisammen und reden miteinander. Und falls er nicht bald, von einem Jubelschrei, der durch die Straßen geht, begleitet zurückkommt, gehen alle früh schlafen. Mit etwas Pech ist das Telefon am nächsten morgen noch immer nicht geladen. In der Regel ist der Spuk aber schon nach einer Stunde wieder vorbei.
4.12.2010
Dengue
Zum Andenken habe ich mir aus Jakarta eine Dengue-Infektion mitgenommen. Nach einwöchiger Inkubationszeit bekomme ich hohes Fieber und beschließe mich von einem Freund ins Krankenhaus bringen zu lassen.
Eine Woche verbringe ich so irgendwo im Nirgendwo zwischen freundlichen Krankenschwester, kurz angebunden Ärzten und wilden Fieberträumen. Ich bekomme viel Besuch. Kommilitonen, Vermieter, Bekannte kommen und bringen mir Obst und Brot, bis mein kleines Bettschränkchen aus allen Nähten platzt. Nach ein paar Tagen beruhigt sich das Fieber und die Krankheit nimmt einen recht milden Verlauf. Hier in den Tropen ist Dengue keine Seltenheit und alle fragen mich, ob sich meine „Thrombozyten“ denn schon erholen würden.
Als ich nach Hause komme erkenne ich mein Viertel fast nicht wieder. Die Straße ist neu geteert und um die Ecke hat ein Supermarkt eröffnet. Wie schnell sich die Dinge hier verändern...
14.12.2010
Zigarettenrauch
Nichtraucher sind unter indonesischen Männern die Ausnahme. Wer nicht raucht muss sich rechtfertigen. 12 jährige Jungen mit Zigarettenstummeln im Mundwinkel sind keine Ausnahme. „Nach dem Essen: Rauchen!“, das ist so etwas wie eine javanische Volksweisheit.
Indonesische Zigaretten sind aus sehr nikotin- und teerreichem Nelkentabak. Die schwächsten Marken sind so stark wie in Europa die stärksten. Billig sind sie und an jeder Straßenecke zu kaufen. Frauen rauchen nicht und überleben ihre Männer meist um viele Jahre. Alte Männer sind im Straßenbild eher die Ausnahme.
Das kettenrauchende Kleinkind, welches es auf YouTube zu einiger Berühmtheit gebracht hat, kommt schließlich auch aus Malang. Worauf man dann so richtig stolz allerdings auch wieder nicht ist.
16.12.2010
Vespa
Die japanischen Motorradhersteller fabrizieren Einheitsbrei. Solide zwar, aber emotionslos. Ich habe versucht Unterscheidungsmerkmale der verschiedenen Modelle auszumachen. Ohne Erfolg. Manche heißen „Shogun“, andere „Mercury 2“. Ansonsten sind sie identisch. Eine Vespa hingegen ist unverwechselbar. Ihr Erscheinungsbild ist elegant, Form und Proportionen harmonisch, die Linienführung weich und sanft. Es ist schwer vorstellbar, dass Herr Piaggio seinerzeit nicht das Bild einer Frau vor Augen hatte, als er die schwungvoll-kurvigen Linien das erste Mal zu Papier brachte.
Eine Vespa ist zudem genialer als all die anderen. Wenn es regnet werden die Beine nicht nass. Ein Reifenwechsel ist denkbar einfach. Der Zweitaktmotor geht mit Benzin zwar etwas verschwenderisch um, braucht aber nie einen Ölwechsel. Etwas untypisch gibt sie sich, gar bieder und kommt ohne Kette aus.
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24.12.2010
Weihnachten
Weihnachten hat sich angeschlichen. Ohne Kalender hätte ich es vielleicht verpasst. Nur ein aus Lichterketten aufgebauter Rentierschlitten vor einer der beiden großen Einkaufsmalls erinnert entfernt an die Adventszeit. Hin und wieder höre ich in Geschäften Weihnachtslieder vor sich hindudeln. Der Einzelhandel hofft wohl auf etwas weihnachtliche Konsumfreude.
Wenige Tage vor Heilig Abend werden vor den Kirchen bunte Zelte aufgebaut. Zu Weihnachten passen offenbar nicht alle Besucher ins Kirchenschiff. Christen sind in Malang nach Muslimen die zweitgrößte religiöse Gruppe. Allerdings mit viel Abstand.
Meine Kommilitonen, die beinahe ausnahmslos Muslime sind, haben an diesem Abend natürlich nichts vor, es ist ein Abend wie jeder andere. Ich beschließe vier von ihnen in ein feines Restaurant einzuladen um es doch noch etwas feierlich werden zu lassen. Es ist gesellig, gemütlich, tatsächlich ein wenig weihnachtlich. Ohne das ganze Drumherum. Nur mit Menschen.
27.12.2010
Importworte
Die indonesische Sprache ist ein Spiegel der Zivilsations- und Kolonialgeschichte. Was es früher nicht gab auf dem indonesischen Archipel, wurde meist mitsamt seiner ausländischen Bezeichnung eingeführt. Das für die neusten technologischen Entwicklungen die selben englischen Worte benutzt werden, wie überall auf der Welt, verwundert nicht. Doch aus dem Englischen stammt z. B. auch „Karpet“ für Teppich. Alle Worte rund um das Motorrad sind dem Niederländischen entnommen. Auspuff heißt „Knalpot“ (auf Niederländisch eigentlich „Uitlaat“), Sattel heißt „Sadel“, Lenker heißt „Stang“. Ebenso aus dem Niederländischen: „Mantel“ für Regenjacke, „Anduk“ für Handtuch oder „Kulkas“ für Kühlschrank. Die Worte für Tisch („Meja“), Hemd („Kameja“) oder Schuh („Sepatu“) entstammen dem Portugiesischen. Die Wochentage wiederum sind dem Arabischen entnommen („Senin“, „Selasa“ ...). Zudem kommen zahlreiche Worte aus dem Sanskrit (z.B. „Putri/Putra“ für Tochter/Sohn) oder Javanesischen. Ein Schmelztiegel der Sprachen, Kulturen und Epochen.
29.12.2010
Suzuki Cup
Heute findet das Rückspiel des Finales der südostasiatischen Fußballmeisterschaft statt. Sie wird alle zwei Jahre ausgetragen und alle zehn ASEAN Mitglieder nehmen daran teil. Indonesien und Malaysia haben es bis ins Endspiel geschafft. Die Hinrunde in Kuala Lumpur haben die Malayen letzten Sonntag mit 3 zu 0 souverän gewonnen.
Der Star der indonesischen Nationalmannschaft heißt Cristiano Gonzalez, ein Importindonesier aus Uruguay. Er schießt die Tore, hat eine Indonesierin geheiratet und ist zum Islam konvertiert. Ein Star. Doch heute trifft er nicht. Und ein 2 zu 1 reicht am Ende nicht für den Turniersieg.
Indonesien und Malaysia, das ist nicht irgendeine Begegnung. Es stehen sich die einander verhassten Nachbarn gegenüber. Immer wieder kommt es zu Reibereien und Streitigkeiten zwischen den beiden Staaten. Man hasst sich. Besser die Feindschaft wird auf dem Fußballplatz als auf dem Schlachtfeld ausgetragen. Und die Indonesier zeigen sich letztlich als faire Verlierer.
30.12.2010
"fuck love"
1.1.2011
Neujahr
Das neue Jahr wird mit bunt blitzenden, blinkenden, pfeifenden und knallenden Feuerwerken begrüßt. Um Mitternacht schläft die Stadt für gewöhnlich schon tief und fest doch heute schauen um diese Uhrzeit alle in den Himmel. Lange dauert das Spektakel nicht. Schon nach einer viertel Stunde ist das Pulver verschossen und niemand weiß so recht was von diesem Jahreswechsel denn nun zu halten ist.
Ich verbringe den Abend gemütlich im Haus von Freunden. Auf der kleinen Terrasse vor der Haustür grillen wir Hühnchen und trinken Guavensaft. Meine Versuche ein wenig gemeinsam über das vergangen und das kommende Jahr zu reflektieren schlagen fehl, werden schlicht nicht verstanden. Hier geht alles einfach so weiter wie immer. Die Entscheidungen treffen sich schon von selbst, wenn sich das Schicksal seinen Weg nur suchen darf. Ob da nun eine elf oder ein zehn im Datum steht, das ist letzten Endes ziemlich egal.
5.1.2011
Ausländerpreise
Viele Indonesier sind skeptisch gegenüber der Ehrlichkeit ihrer Landsmänner. Oft werde ich gefragt, wie viel ich denn für dies und jenes hätte bezahlen müssen, stets in der Erwartung man habe von mir einen viel zu hohen Preis verlangt. Die Ausländer, wissen schließlich nicht, was die Dinge hier so kosten. Daraus ließe sich leicht ein wenig Profit schlagen, denn Preisschilder sind eher Ausnahme als Regel.
Misstrauen ist schnell gesät und das ein oder andere Mal hatte ich tatsächlich das Gefühl, mehr als den gewöhnlichen Preis zahlen zu müssen. Doch diese Ahnung hat sich im Nachhinein bisher noch jedes Mal als falsch heraus gestellt. Die Preise sind für mich so hoch, wie für alle anderen auch. Zumindest auf dem Papier. In Relation zu europäischen Verhältnissen ist alles sehr günstig. Was wäre also so falsch daran wenn die reichen Ausländer ein wenig mehr bezahlen müssten?
10.1.2011
Abschlussprüfungen
Das Semester ist zu Ende. Es sind Prüfungen, zum zweiten Mal. Wieder tragen alle weiße Hemden, schwarze Hosen und Krawatten. Adrett sieht das aus. Doch gelernt wird in letzter Minute vor der Prüfung. Gut, wenn der Dozent etwas zu spät kommt.
In meiner heutigen Statistikprüfung waren Spickzettel ausdrücklich erlaubt. Irgendjemand hatte ohnehin die Prüfungsfragen des Vorjahres aufgetrieben und Kopien verteilt. Wie sich herausstellte waren sie identisch mit den diesjährigen Fragen.
In einer anderen Vorlesung hatte der Dozent die Prüfungsfragen vorher auf seinem Blog veröffentlicht und mahnend dazu geschrieben, das es nun keinen Grund mehr gäbe nicht die volle Punktzahl zu erreichen. Die Prüfungen zur Mitte des Semesters sind wohl sehr schlecht ausgefallen. Mal sehen, ob es dieses Mal besser wird.
11.1.2011
Imam Musyafa
Musyafa ist Imam in einer kleinen Moschee nahe des Stadtzentrums. Ein junger Mann, vielleicht um die dreißig. Er hat sanfte Augen und eine weiche Stimme. Seine Haare sind noch ganz kurz, er ist gerade aus Mekka zurückgekehrt. Als Imam pilgert er jährlich.
Jeden Dienstag treffen sich die Männer aus der Nachbarschaft in seinem Wohnzimmer, sitzen auf dem Boden und lauschen dem, was Musyafa über den Koran und Allah erzählt. Er sagt: „Der Koran sagt, frag nicht was andere für Dich tun können, sondern was Du für andere tun kannst.“ Oder: „Iss nicht, wenn Du keinen Hunger hast.“ Nicht so trivial, wie es scheint.
Zu mir sagt er: „Keine Sorge, der Koran verbietet mir, zu versuchen Dich zu bekehren. Jedem seine Religion. Aber wenn Du dich für den Islam interessierst, dann bist Du hier immer herzlich eingeladen.“ Im Anschluss gibt es für alle etwas zu essen. Die Stimmung ist gut. Nächste Woche möchte ich wiederkommen.
13.1.2011
"Yusup, Yusup..."
16.1.2011
Straßenverkehr
Der Verkehr ist chaotisch. Regeln existieren nur in der Theorie, jeder fährt wie er will. Überholt wird wahlweise links oder rechts. Auch die falsche Straßenseite kann in Ausnahmesituationen problemlos benutzt werden. Rote Ampeln sind eher als Vorschlag zu verstehen, vielleicht besser anzuhalten. Wer aus Festland-Europa kommt und hier die Straßen mit benutzen möchte, muss sich neben dem Linksverkehr, der ohnehin gewöhnungsbedürftig ist, auf noch einige Umstellungen mehr gefasst machen.
Doch in all dem Chaos hat der Verkehr einen Rhythmus. Nervosität ist fehl am Platz. Die Rücksichtnahme und Umsicht aller Verkehrsteilnehmer ist sehr groß. Das Geheimnis ist sich treiben zu lassen und einfach mitzuschwimmen. Alle sind sehr geduldig. Gehupt wird viel, aber das ist nicht böse gemeint. Sich so richtig ärgern, das können Indonesier nur im Fernsehen.
18.1.2011
Statussymbole
Oft denke ich hier, dass das streben nach sozialer Anerkennung und Status nach der Erfüllung der Grundbedürfnisse wohl der stärkste Antrieb menschlichen Handelns ist.
Die Konzeption von Status wird auf Java noch bis heute von Idealen des hinduistischen Kastensystems geprägt, welches hier vor Jahrhunderten die Gesellschaft formte. Ein hinduistischer Mann aus der Kaste der Ritter musste demnach über fünf Dinge verfügen: ein respektables Haus, ein gutes Pferd, einen Säbel, einen Singvogel und eine schöne Frau.
Die Kasten sind setidem durchlässig geworden und jeder ist zum Schmied seines eigenen Glücks avanciert. Die materiellen Statussymbole sind aber die selben wie damals und mit genügend Geld für alle zugänglich. Das moderne Pferd ist dabei ein Auto, der Säbel ein möglichst teures Smartphone. Und Häuser, schöne Frauen und Singvögel, die gibt es wie eh und je.
19.1.2011
Tagesrythmus
Der Tag beginnt früh in Indonesien. Ab drei Uhr morgens wird auf den Straßen frisches Gemüse verkauft. Um vier Uhr morgens, lange vor Sonnenaufgang ruft der Muezzin zum ersten Gebet. Viele stehen dafür auf. Bei mir im Haus wird ab halb vier gekocht, geputzt, gewaschen, gearbeitet. Um sechs sind die Straßen voll. Um sieben beginnen Schule und Universität. Behörden beginnen ihre Arbeit um acht. Bis neun haben alle Geschäft geöffnet. Zeit zum Mittagessen ist etwa um zwölf. Um halb zwei ist die Schule aus. Die Universität ist für gewöhnlich schon vor drei zu Ende. Um sechs ist es dunkel. Die Mehrheit derer die jetzt noch unterwegs sind, sind Studenten. Die Einkaufszentren schließen um neun. Viele Mädchen müssen dann nach Hause, weil ihre Studentenwohnheime die Pforten schließen. Bis um zehn sind die Straßen leer. Um Mitternacht lässt sich die ganze Stadt durchqueren, ohne einem Menschen zu begegnen. Der Tag beginnt dann schon fast von neuem.
22.1.2011
Gayus
Ein Thema beschäftigt die indonesischen Medien derzeit wie kein zweites. Ein Korruptionsskandal, der nun vor Gericht verhandelt wurde. Gayus, so der Name des Angeklagten, ein Finanzbeamter, der mehrere Billionen indonesischer Steuer-Rupiah (mehrere Millionen Euro) auf sein Privatkonto abgezweigt haben soll. Sein Gesicht flimmert in einem fort über Fernsehschirme und schaut von den Titelseiten der Tageszeitungen.
Er wurde zu einer Geldstrafe von 300 Millionen Rupiah (etwa 25.000 Euro) und sieben Jahren Gefängnis verurteilt. „Lächerlich!“, ruft die erzürnte indonesische Öffentlichkeit, „die Regierenden stecken doch alle unter einer Decke und schützen sich gegenseitig!“. „Mit diesen korrupten Politikern ist das Land auf ewig dazu verdammt ein Entwicklungsland zu bleiben“, eine andere Stimme, „am besten sollte man ihn abmurksen, diesen Gayus.“
29.1.2011
ein erster Abschied
An diesem Samstag ist meine Studentenzeit in Malang endgültig vorbei. Am Montag beginnt mein Praktikum bei der Delegation der Europäischen Union in Jakarta. Ich ziehe aus, packe meine Sachen, reise weiter. Merkwürdig kurz erscheinen die fünf Monate, die ich in dieser Stadt gewesen bin im Rückblick. Ich habe den Ort sehr schätzen gelernt; die freundlichen Menschen, die angenehme Atmosphäre, das milde Klima, den entspannten Lebensstil, die vielen kleinen Weisheiten, die ich hier gefunden habe. Die Liste geht weiter.
Als der Zug abfährt stehe ich noch lange in der offenen Zugtür, winke zum Abschied den Freunden, die mich zum Bahnhof begleitet haben. Ich schaue den kleinen, bunten Häusern, den friedlich den Feierabend genießenden Menschen in den engen Gassen nach, bis irgendwann nur noch Reisfelder die Gleise säumen. Mit den Vulkangipfeln im Rücken rumpelt der Zug der Nacht entgegen. 900 km. Bis zur Hauptstadt.
30.1.2011
"Huget"
In Jakarta komme ich für die ersten Tage beim Freund eines Freundes aus Malang unter.
Teguh heißt der Freund, doch nach Malanger Sitte benutzt er seinen Namen hier rückwärts und nennt sich „Huget“. Ohnehin hält er seine ost- javanischen Wurzeln hoch und zeigt sich wo immer möglich als vollblütiger Anhänger der Malanger Fußballmannschaft. Wir haben uns vorher nicht gekannt, nie gesehen, nie getroffen. Trotzdem: Er erscheint wie ein alter Bekannter.
In einem Copyshop arbeitet er als Grafik-Designer. Im Obergeschoss des Geschäftes kann er für fünf Euro im Monat wohnen, selbst für hiesige Verhältnisse geschenkt. Das Zimmer ist klein und stickig. „Doch natürlich kannst Du hier ein paar Tage bleiben, überhaupt kein Problem.“ Das sagt er nicht aus Höflichkeit, das meint er ernst. Er sagt: „In Malang, da hilft man einander. Hier ist das anders. Die Menschen hier sind Egoisten. Das Leben ist hart in Jakarta.“
1.2.2011
Zimmersuche
Das zweite Mal suche ich mir in Indonesien ein Zimmer. Mitten in Jakarta sind Zimmer gefragt. Die Mietspanne reicht von 50 bis 350 € im Monat. Fernseher, Internet und Kühlschrank sind in Letzerem allerdings inklusive.
„Goldenes Dreieck“ wird der Stadtteil meiner Wahl genannt, in Gehweite von meinem Büro. Ein weiteres Mal bin ich überwältigt von den vielen Gesichtern dieser Stadt: in zweiter Reihe, hinter den imposanten Bürotürmen der Hauptstraßen bleibt Jakarta ein Dorf. Enge Gassen, kleine Häuser, Menschen auf der Straße, Straßenverkäufer, gar Ziegen und Hühner. Das ist das Indonesien, das ich kenne. Hier fühle ich mich wohl.
Ich schaue mir einige Zimmer an. Viele sind lieblos grau, Investoren haben das Geschäft entdeckt. Schließlich finde ich ein Zimmer in einem alten javanischen Haus, welches mir gefällt. Klein, aber groß genug. Der Blick von der Balustrade ist fast wie in Malang. Nur die Vulkangipfel, die sind gegen Hochhäuser eingetauscht.
5.2.2011
Metropole
7.2.2011
in Jakarta...
gibt es Bettler, Straßenkinder und Prostituierte,
ist es draußen heiß und drinnen kalt,
rauchen viele Frauen,
reißen sich die Motorradtaxifahrer um einen Weißen, den sie über Ohr hauen können,
kostet das Essen doppelt so viel wie in Malang,
gibt es Smog,
sind die meisten Autos nicht älter als fünf Jahre,
gibt es Starbucks, 7eleven, circle K, Burger King und Mc Donald's,
sind die 31 indonesischen Staatsminiterien angesiedelt,
gibt es Pläne die Hauptstadt wegen der katastrophalen Verkehrssituation an einen anderen Ort zu verlegen,
sprießen überall Hochäuser aus dem Boden
und Ausländer sind nichts Außergewöhliches.
Das fällt auf.
9.2.2011
der Chauffeur sagt:
„Ich kenne es noch, das alte Jakarta. Wie schnell sich die Stadt verändert hat! Vor 30 Jahren, da gab es hier kaum Autos, kaum Motorräder. Da war es schwierig einen Kredit zu bekommen. Jetzt ist das anders. Kein „Downpyment“ und gleich nimmst das Motorrad mit nach Hause.“
„Früher hatte diese Straße nur vier Spuren, zwei in jede Richtung. Da gab es noch die holländische Straßenbahn und die Menschen sind Fahrrad gefahren. Heute sind es zehn Spuren und trotzdem staut sich der Verkehr. 13 Kilometer sind es vom Büro bis zu meinem Haus. Mit dem Motorrad brauche ich zwei Stunden für einen Weg. Wenn das mit dem Stau so weiter geht, dann bewegt sich hier bald überhaupt nichts mehr.“
„Früher war das Leben anders in Jakarta. Da gab es weder Neid noch Wettbewerb. Die Gesellschaft war harmonischer. Jetzt sagen die Frauen zu ihren Männern: „Guck doch was der Nachbar hat! Warum haben wir das nicht?“ Ja, manchmal wünsche ich mir die alte Zeit zurück.“
10.2.2011
Baustopp
12.2.2011
Rolltreppenstadt
14.2.2011
Apokalypse
Jakarta ist in einem sehr wörtlichen Sinne dem Untergang geweiht. Aufgrund der schweren Bebauung, sinkt die Stadt langsam in den morastigen Untergrund. Jakarta, eine Küstenstadt, kommt so dem Meeresspiegel entgegen, der aufgrund abschmelzender Polkappen mit großer Wahrscheinlichkeit ohnehin ansteigen wird. So kommen Stadt und Wasser sich langsam entgegen. Schon bis 2025 könnte der Präsidentenpalast im Wasser stehen, heute fünf Kilometer von Hafen und Küste entfernt – prognostiziert eine Studie der Weltbank.
Doch wer denkt, die Stadtbewohner würden in Anbetracht dieser düsteren Vorhersage zu ambitionierten Klimaschützern, irrt. Im Gegenteil: Wächst das Verkehrsaufkommen weiter so wie bisher, dann geht es schon 2014 auf Jakartas Straßen weder vor noch zurück. Bis der Stau eines Tages im Meer versinkt.
15.2.2011
die Fußgängerbrücke
Auf meinem Weg zur Arbeit überquere ich eine der Hauptstraßen Jakartas. Gesäumt von uniformen Bürotürmen, verbinden nicht weniger als 14 Spuren den Norden mit dem Süden der Stadt. Entsprechend lang ist auch die Fußgängerbrücke ohne welche es unmöglich wäre von der einen Seite der Straße auf die andere zu gelangen. Wegen der ausladenden Aufgänge dauert es auch mit Brücke fast fünf Minuten.
Die Brücke ist nicht nur Brücke. Sie ist auch Markt. Auf den unter den Schuhsohlen laut klappernden Metallplatten haben Händler Decken ausgebreitet, auf denen sie eine erstaunliche Vielfalt an Waren darbieten. Atemmasken, Regenschirme, bunte Handyschutzhüllen, Plastikspielzeug, Socken und Ledergürtel, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Daneben sitzen, stehen und hocken Bettler; Frauen mit Kleinkindern, Alte, Kranke, Blinde bitten die stumm vorbeigehenden um ein paar hundert Rupiah. Alles ein paar Meter über der Straße, auf der die Mittelschicht auf dem Weg zur Arbeit im Stau steht.
17.2.2011
WTC II
Wenige hundert Meter Luftlinie von meinem Zimmer entfernt, wächst ein Hochhaus in den Himmel. „WTC II – now leasing!“, steht groß auf den hohen Zaun geschrieben, der das Gelände umgibt. Das erste „World Trade Center“ steht gleich nebenan, ist eines der älteren Hochhäuser, mit nur fünfzehn Stockwerken vergleichsweise niedrig. Der neue Turm wird doppelt so hoch! Die ersten zehn Stockwerke nackter Beton stehen schon.
Gebaut wird im Schichtbetrieb und ohne Unterbrechung, Nachts unter grellem Flutlicht. Zum Schichtwechsel schlurfen die müden Bauarbeiter in ihren gelben Gummistiefeln scharenweise durch meine Straße. „Zero Harm“ steht auf ihren schmutzigen T-Shirts. Irgendwo hier in der Nähe hat das Bauunternehmen für sie ein Haus gemietet. Besonders groß sei es nicht, sagen sie, aber sie teilen es mit ungefähr 50 Kollegen. Gastarbeiter – für unter fünf Euro am Tag. Noch zwei Jahre, dann soll es fertig sein, das nächste Welthandelszentrum.
18.2.2011
Ojek
Ojek (sprich: Odschek, es kursieren zahlreiche Schreibweisen), so heißen die Motorradtaxis, von denen es in Jakarta sicher zig-tausende gibt. Es ist der Beruf, für die, die sonst keine Arbeit finden, vielleicht keine Ausbildung, aber ein Motorrad haben.
An fast jeder Straßenecke sitzen die Männer wartend auf ihren Motorrädern, reden und rauchen. In der nähe von Bushaltestellen und den großen Bürohäusern stehen sie gar in langen Warteschlangen, in der es sicher Stunden dauern kann, bis der letzte Fahrer bis ganz vorne gerückt ist.
Da die Motorräder wendig durch den dichten Verkehr schlüpfen, gibt es praktisch kein schnelleres Fortbewegungsmittel. Der Passagier sollte allerdings starke Nerven und eine Jacke mitbringen. Die Nerven werden vom eiligen Fahrstil der meisten Ojek-Fahrer oft ein wenig strapaziert. Die Jacke hält den Geruch der Autoabgase von der restlichen Kleidung fern. Preis ist Verhandlungssache. Wer kein Indonesisch spricht, zahlt das Doppelte.
26.2.2011
Nachtrag: Hochzeit ohne Kuss
Ein Freund heiratet. Das ist eine ernste Angelegenheit. Es geht schließlich darum den Grundstein für eine Familie zu legen.
Die Zeremonie besteht aus zwei Teilen. Erst holt der Bräutigam die Braut im Hause ihrer Eltern ab. Dort werden vor Freunden, Bekannten und versammelter Nachbarschaft bürokratische und religiöse Formalitäten erledigt. Zahlreiche Dokumente werden schwungvoll unterschrieben, der Ehepass ausgehändigt, Gebete Lautsprecher-verstärkt gesprochen. Im Anschluss gibt es für alle etwas zu essen.
Am Nachmittag wiederholt sich das Schauspiel in ähnlicher Form im Hause des Bräutigams. In einer Rede wird das Gegenbild der Telenovela-Ehe heraufbeschworen, das Hochzeitspaar sitzt regungslos und gut ausgeleuchtet im Hintergrund. Sind auch hier die Teller leer gegessen, werden schnell ein paar Erinnerungsfotos geschossen und die Gäste verstreuen sich im Handumdrehen in alle Himmelsrichtungen. Einen Kuss gibt es nicht.
28.2.2011
Kolonialmächte
Über 300 Jahre lang haben die Niederländer koloniale Herrschaft über das indonesische Archipel ausgeübt. Viele der Spuren die sie hinterlassen haben, sind bis heute verwischt. Kolonialstil-Rathäuser und Bahnhöfe, die niederländischen Lehnworte in der indonesischen Sprache – das sind die offensichtlichsten Relikte. Auch das gesamte Schienennetz gehört dazu.
Gut zu sprechen ist auf die ehemalige Kolonialmacht natürlich niemand. Doch nicht Fremdbestimmung und Ausbeutung werden beklagt. Die Niederländer hätten vielmehr einen schlechten Grundstein für Indonesiens Modernisierung gelegt. „Die ehemaligen Englischen Kolonien, die sind heute weiterentwickelt als wir“, wie mit schielendem Blick auf die Nachbar-(Tiger)staaten Singapur und Malaysia oft moniert wird. Wirtschaftsleistung und damit Wohlstand und internationales Ansehen, das ist noch wichtiger als die verschwommenen Erinnerungen an den langen Weg zur Unabhängigkeit.
2.3.2011
Mariott
Eines der vielen fünf Sterne Hotels in Jakarta ist das Mariott. Es ist auffällig geschmacklos eingerichtet und jeden Mittwoch findet hier ein etwas dubioser „Alpenstammtisch“ statt. Ausländer essen am Buffet der Hotelbar gratis und bekommen Getränke zum halben Preis. Nach dem verehrenden Bombenanschlag auf das Hotel im Jahr 2003 bleiben die Gäste aus und werden jetzt mit Brezeln und Sauerkraut durch die Flughafen-gleiche Sicherheitsschleuse gelockt. Doch das Essen ist mittelmäßig, die Getränke auch nach Rabatt unverschämt teuer.
Auf dem Weg zum Ausgang im Foyer: Ein sturzbetrunkener Chinese und ein gut beleibter Amerikaner begegnen sich. So zielstrebig wie er eben kann, geht der Betrunkene auf den Dicken zu. „You know where I'm from?“, fragt er lautstark, „I'm from China! We're number one!“ Im Hintergrund geht eine weinende Frau auf einen Hotelpagen gestützt durch die Szene. Merkwürdige fünf-Sterne-Welt.
5.3.2011
rotes Datum
Die Feste werden gefeiert wie sie fallen und in einem multikulturellen Land wie Indonesien fallen sie andauernd. Neujahre gab es gleich drei – erst das islamische, dann das westliche und schließlich das nach chinesischem Kalender. Zum Geburtstag Jesus Christus, ebenso wie zum Geburtstag des Propheten Mohamed wurden die Daten in den Kalendern rot gedruckt. „Tanggal Merah“ - rotes Datum, das ist folgerichtig die indonesische Übersetzung für Feiertag.
Der heutige Tag ist auch rot im Kalender markiert. Ein Hindu-Feiertag. Unglücklicherweise fällt das Datum auf einen Samstag, da wird in den Büros ohnehin nicht gearbeitet. Ein verlorener Feiertag! Doch mancherorts weiß man sich zu helfen: der freie Tag wird auf den Freitag vorgezogen. Genial! Das Feiern ist dann wohl auch nicht das wichtigste. Hauptsache es ist frei.
6.3.2011
zwischen den Welten: hochglanz-Shopping-Mall...
6.3.2011
...und indonesische Normalität
10.3.2011
Benzinsubventionen
Aller Instabilität der globalen Rohstoffmärkte zum Trotz: der Literpreis für Normalbenzin in Indonesien bleibt der Selbe. 4500 Rupiah beträgt er. Nicht einmal 40 Cent. Zu verdanken ist das den großzügigen Benzinsubventionen der Regierung. Als ein Geschenk an die Bürger stammt der fixe Benzinpreis aus der Zeit, in der Indonesien noch Erdöl exportierte. Doch das ist lange her. Und jetzt machen die Subventionen jedes Jahr ein drittel des gesamten Staatshaushaltes aus!
Obwohl verschiedenste Studien belegen, dass die staatliche Einmischung in den Benzinmarkt ökonomisch und sozial Unsinn ist, traut es sich keine Regierung daran zu rütteln. Eigentlich sollten die Subventionen in Jakarta für private Autos ab April ausgesetzt werden, doch in letzter Minute wurde die Maßnahme auf unbestimmte Zeit verschoben. Dabei wäre es sicherlich die einfachste Möglichkeit, den Verkehr auf Jakartas verstopften Straßen ein wenig aufzulockern den Preis für Benzin ein wenig anzuheben.
12.3.2011
Flut
Es schüttet wie aus Kübeln. Nach zehn Minuten steht das Wasser auf der Straße bis über den Knöchel. Nach einer viertel Stunde reicht es den Kindern schon bis zum Knie. Schließlich verschwinden die Radnaben der Motorräder in dem braunen Fluss der da entstanden ist, wo eben noch die Straße war. Viele Häuser sind ein wenig höher gelegen. In den anderen bekommen die Bewohner nasse Füße.
So aufregend das alles klingen mag, von den Wassermassen lässt sich niemand aus der Ruhe bringen. Kinder planschen auf der Straße, schwimmen in aufgepumpten Motorradschläuchen um die Wette, waschen sich mit Shampoo unter der Regenrinne die Haare. Männer holen ihre Motorräder auf die Straße und fangen an sie zu putzen. Es wird viel gelacht. Zur Regenzeit passiert das hier andauernd. Die völlig unzureichende Drainage weiter Teile der Stadt ist ein weiteres der vielen Probleme mit denen die Menschen in Jakarta zu leben gelernt haben.
22.3.2011
autofreie Tage
Jeden Sonntagmorgen wird eine der wichtigsten Hauptstraßen Jakartas über eine Strecke von etwa sieben Kilometern für den Autoverkehr gesperrt. Für ein paar Stunden in der Woche zieht sich so ein riesiger Radweg durch die Schlucht zwischen den imposantesten Hochhäusern der Stadt.
In einer Stadt fast gänzlich ohne einladende öffentliche Plätze, wird diese Maßnahme begeistert angenommen. Unter der Woche sind Radfahrer in Jakarta eine Rarität. Doch unter Jugendlichen hat sich über die letzten Monate der Fixed-Gear Bicycle Trend wie ein Lauffeuer verbreitet. Auch praktische Falträder und monströse Mountainbikes haben viele Freunde gefunden. Jeden Sonntag kommen sie nun in den frühen Morgenstunden zum Vorschein und drehen gemütlich ihre Runden. Der autofreie Sonntag droht gar zum Opfer seines eigenen Erfolges zu werden. Es sind inzwischen so viele Fahrräder unterwegs, dass sich ein in Jakarta altbekanntes Phänomen einstellt: Stau.
24.3.2011
Spaziergang...
Im Büro ist Mittagspause. Der strahlende Sonnenschein lädt zu einem Spaziergang. Vier mal links, einmal um den Block. Ich kenne die Gegend schon. Heute nehme ich meine Kamera mit.
Auf diesem kurzen Gang von nicht mehr als einer halben Stunde zeigt Jakarta viele seiner zahlreichen Gesichter. Der Spaziergang beginnt an einer der vielbefahrenen, von hochmodernen Bürotürmen gesäumten Hauptstraßen. Doch schon die erste Seitenstraße führt zurück in eine andere Welt. Die Großstadt wird hier zum Dorf. Die Menschen wohnen auf wenig Raum, Ziegen laufen über die Straße, den schmutzigen Abwasserfluss überquere ich auf einer winzigen Holzfähre. Etwas später stoße ich wieder auf eine geschäftigere Straße. Läden, Gemüsemärkte, Moscheen, Autos, Minibusse, es brummt, irgendwo zwischen Dorf und Metropole. Dann geht es zurück bis zu dem Hochhäusern des 21. Jahrhunderts, vor denen die Fahrer in den Kofferräumen der Autos einen Mittagsschlaf halten.
25.3.2011
Stadtmenschen
Jakarta ist anders als der Rest Indonesiens. Jakarta ist näher am Westen. Die Moderne ist hier schon weiter vorangeschritten. Mit sich gebracht hat sie den Stadtmenschen.
Stadtmenschen sind in Jakarta jung, unter vierzig. Sie sind gut ausgebildet. Viele verfügen über internationale Universitätsabschlüsse und Arbeitserfahrung. Sie sprechen hervorragend Englisch. Stadtmenschen auch über 30 noch ledig und haben keine Kinder. Sie verstehen etwas von Politik und verdienen genug Geld um in den Urlaub zu fahren. Auch ins Ausland. Am Wochenende gehen Stadtmenschen aus bis spät in die Nacht. All das ist in Indonesien sonst nicht üblich.
Doch irgendwie sind sie einsam, diese Stadtmenschen. Sie wissen auch nicht so recht, was ihnen das Leben jetzt noch bringen soll. Sie ziehen von Club zu Club, erkunden Bar um Bar, Land um Land, Job um Job. Doch es scheint, als fänden sie nicht wonach sie suchten. Ich glaube ihnen fehlt der Grundbestandteil indonesischen Wohlbefindens: das Familienglück.
26.3.2011
Kempinski Apartment
Das Herz Jakartas ist ein großer Kreisverkehr. In seiner Mitte ein kreisrunder Teich aus dem Abends Wasserfontänen in den Himmel sprudeln. Die besten Adressen der Stadt sind hier einen Steinwurf entfernt.
Auf einer Seite wird der Kreisverkehr von einem der höchsten Gebäude der Stadt flankiert: die Kempinski Residences. Auf 55 Stockwerken türmen sich Luxusapartments, welche von der Schweizer Hotelkette bewirtschaftet werden. In der darunter gelegenen Shopping Mall werden die Apartments verkauft und vermietet. Als ich mich interessiert zeige, gibt man mir sofort eine Führung. Eine junge Frau auf Schuhen mit schwindelerregend hohen Absätzen präsentiert mir das chice Foyer, den Blick bis zu den Bergen Bogors, den Swimmingpool auf dem Dach des dazugehörigen Hotel Kempinski. Die Wohnungen auf den obersten drei Stockwerken sind noch zu haben.
4.4.2011
Abschied
Auch wenn ich es lange Zeit nicht geglaubt habe. Ein Tag in Indonesien muss der letzte sein. Es ist der vierte April.
Ich habe Indonesien kennengelernt. Ich spreche die Sprache inzwischen recht gut, habe unzählige Freunde gefunden, mehr gelernt, als ich im Moment begreifen kann. Spätestens als ich auf der Startbahn aus dem Fenster der Boeing 747 schaue, merke ich, wie sehr mir das Land ans Herz gewachsen ist.
Indonesien ist ein aufregendes Land, sehr dynamisch, die Dinge verändern sich rasend schnell. Es ist riesig groß und vieldimensional. Der oft harschen Realität zum Trotz, sind Indonesier sehr fröhliche Menschen. Sie sind offen und neugierig, herzlich und ungeheuer harmoniebedürftig. Indonesien ist sehr einladend für Fremde. Mich hat man mit offenen Armen empfangen. Ich hoffe, ich konnte meine Leser etwas an dieser erfüllenden Erfahrung teilhaben lassen.